CORONA-KRISE (6) – DER KERN DES PROBLEMS

Wir wissen, dass wir (irgendwann) sterben werden und doch versuchen wir, diesen Moment hinauszuschieben. Die Medizin kommt diesem ängstlichen Wunsch gern entgegen: Pillen, Antibiotika, Impfungen, Operationen, Transplantationen, Chemo und Bestrahlung. Oft ist der Preis ziemlich hoch, den wir für diese Lebensverlängerung bezahlen müssen. Wir leben wohl, sind aber chronisch krank. Solange wir die Lösung auf materiellem Niveau suchen, sind wir an dieses »Muster« gebunden. Und doch: Der Tod ist nicht alles, denn es gibt ein Leben vor und ein Leben nach dem Tod. Auch wenn wir kaum noch daran glauben. Denn wir haben die allumfassende Wirklichkeit mit ihren verschiedenen Niveaus oder Dimensionen vollständig auf das materielle Niveau reduziert. Schade, denn so entsteht mitten in aller Wohlfahrt eine geistliche Armut. Das Schlimmste ist, dass wir uns auf diese Weise eine enorme Angst eingehandelt haben: die Angst vor dem Tod. Natürlich, jedes Wesen versucht, dem Tod zu entkommen; es will leben. Selbst eine kleine Fliege versucht, der Fliegenklatsche zu entgehen. Dieser starke Lebenstrieb ist normal, die Buddhisten nennen ihn »Lebensdurst«. So betrachtet ist es logisch, dass wir nicht gern sterben wollen, denn unsere Seele ist vollständig mit dem Körper verbunden. Wenn wir uns aber ausschließlich auf die materielle Seite des Lebens richten, denken wir, dass wir nur dieser Körper sind. Und dann haben wir ernsthaft ein Problem. Erst, wenn wir die anderen Niveaus der Wirklichkeit, also auch die geistig-spirituelle Dimension, einbeziehen, verliert der Tod seine schreckliche Macht über uns.


ZURÜCK AUF DER TAGESORDNUNG

In unserer Kultur hatten wir den Tod aus dem Blickfeld verdrängt. Unser Ego-Wahn ließ uns an die Machbarkeit und Beherrschbarkeit des Lebens glauben(!). Auf einmal dann ein Virus – und plötzlich steht der Tod wieder auf der Tagesordnung. Er hat dieses Versteckspiel nicht länger akzeptiert. Sowieso war er niemals wirklich weg. Nur wir dachten, dass wir ihn überwunden hatten. Es ist schockierend, wenn man aus dieser Illusion erwachen muss. Nun ist der Tod in erhöhten Sterbeziffern präsent und – mehr noch – in unseren ängstlichen Phantasien. Das Virus und die Corona-Krise spiegeln unsere verdrängten Seiten, die Aspekte also, die noch etwas Aufmerksamkeit nötig haben. Solange wir dem Tod nicht entgegengehen und ihn fragen, was er uns lehren möchte, solange wird er ein »Gespenst« bleiben, das uns hinter jeder Ecke erschrecken kann. Wenn wir die Vergänglichkeit unseres Körpers ignorieren, dann wird dieses Gespenst immer präsent sein. Auf diese Weise erfahren wir ungewollt eine enorme Ohnmacht – und vielleicht werden wir dann endlich lernen, dass Leid, Krankheit und Sterben ein natürlicher Teil des Lebens sind. Ja, unser Körper ist aus »Staub« und wird zu Staub zurückkehren, aber der Tod ist nicht das Ende. Hinter dem Tod des Körpers wartet ein Leben des Geistes und der Seele auf uns. Wenn wir den Tod nicht länger verdrängen, können wir lernen, ihn zu schätzen. Denn der Tod ist ein weiser Ratgeber – für die noch Lebenden.


KRISE ALS EYE-OPENER

Solch´ ein schweres Thema gehört eher in die Woche vor Ostern als in die Zeit nach Pfingsten. Wir sind also spät dran. Trotzdem, in Kürze kehren wir vielleicht zurück zur normalen Ordnung und werden das »Neue Normal« ausprobieren. Liegt dieses Thema dann hinter uns? Wahrscheinlich nicht. Glücklicherweise ist das Leben schlau genug und hat zudem einen langen Atem. Woher nimmt das Leben so viel Geduld, uns immer wieder eine Chance zu geben? Man könnte es Liebe nennen, Reine Liebe. Es ist eine verkehrte Welt: Wir denken, dass das Virus und die Corona-Krise uns Böses wollen, während sie die besten Absichten mit uns haben. Jede Krise kann ein eye-opener sein, wenn (falls!) wir es so wollen. Das Problem liegt darin, dass es uns wahrscheinlich nicht gelingen wird, in dieser Krise eine Chance zu sehen. Eher erscheint sie als ein Hindernis, dass wir aus dem Weg räumen wollen. Was sie von uns will und was wir selbst wollen, das stimmt nicht überein. Noch nicht. Glücklicherweise kommen neue Krisen und damit neue Chancen, um weise zu werden.


Vaalser Weekblad, 05 Juni 2020

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