CORONA-KRISE (9) – DAS VIRUS SPALTET

In vielen Gesprächen ist Corona immer noch Thema Nr.1. Inzwischen geht es aber eher darum, was die auferlegten Einschränkungen für Mensch und Gesellschaft bedeuten. Dies beschäftigt die Gemüter; ein Zeichen, dass diese Krise noch nicht vorbei ist. Jeder erfährt diese Krise auf eine sehr persönliche Weise: Unsicherheit oder Angst, finanzielle Not, Spannungen oder Konflikte, zu wenig soziale Kontakte und Depression. Wenn eine Krise auf diese Weise die Existenz von Menschen berührt, ist sie immer auch eine spirituelle Krise, denn diese Dimension ist in jeder tiefgehenden Lebenskrise enthalten. In Situationen also, in denen alles auf dem Kopf steht; in denen es um sehr viel geht, beinah um alles. Wenn eine Krise so tief geht, kommen uralte, aber lästige Fragen auf: Was ist der Sinn von Krisen? Gibt es Gott – und wenn ja, warum tut Er dann nichts? Fragen ohne Antworten. Wodurch das Gefühl von Unsicherheit noch stärker wird.

EINE SPIRITUELLE KRISE

Aus spiritueller Sicht sorgt unser Bedürfnis nach Sicherheit (Angst!) und unser Verlangen nach Freiheit für eine Grundspannung im Leben. Natürlich wollen wir Sicherheit: Essen, Wärme, festes Einkommen, stabile Beziehungen … Jeder kennt das. Aber im Kern unserer Person befindet sich die Seele und die verlangt nach Freiheit. Leider wird in unserer (fast) gott-losen Kultur Freiheit oft als ein Freibrief genommen, egoistische Triebe ausleben zu dürfen. Obwohl es eigentlich – auf einem viel höheren Niveau – um Angst-Freiheit geht. Momentan scheint uns aber die Angst vor dem Tod mehr als je zuvor im Griff zu haben. Durch die Maßnahmen wird das Leben unterdrückt, in der Hoffnung, dass der Tod nicht gewinnt. Ein Paradox, denn wenn man das Leben unterdrückt, wird der Tod sicher gewinnen! Diese Angst vor dem Tod polarisiert die Menschen und ent-zweit so die Gesellschaft: die Kranken und die Gesunden, die Älteren und die Jüngeren, die Pros und die Kontras. Der eine will nicht sterben, der andere möchte seine individuellen Freiheiten zurück. Was der eine will, geht auf Kosten des anderen. Beide haben Recht, aber mit ihrem Eigen-Interesse sind beide gleichermaßen egoistisch. Der eine will leben, der andere möchte wieder aktiv leben und arbeiten, um seine Existenz zu retten. Beides ist normal und doch kommt beides aus dem »Ich« heraus. Welches Ego ist nun wichtiger: das Ego, das Schutz fordert oder das Ego, das die Freiheit zurückhaben will? »Ego« bedeutet: Ich bin wichtiger als Du! Welchem Ego muss der Staat dann mit seiner Gesetzgebung Vorrang geben?

DER AUSGANG IST OBEN

Mit der Corona-Krise ist die »Wahrheit« über uns, unsere Kultur und übers Mensch-sein sichtbar geworden: die Ich-Bezogenheit ist die dominante, alles bestimmende Mentalität! Aber nun steht auf einmal Egoismus gegen Egoismus und es wird deutlich, dass diese Mentalität sich selbst in die »Klemme« gebracht hat. Kein Vor und kein Zurück, weil jedes Ego Vorrang haben will! Dies bedeutet, dass unsere Gesellschaft (die Kultur, die Menschheit?) vielleicht an sich selbst zugrunde gehen wird: an der Angst vor dem Tod und an der Ich-Bezogenheit. Die beiden gehören zusammen, das eine folgt aus dem anderen. Sorry, das Leben gehört mir, ich habe Recht darauf? Leider ist das Leben nicht von uns und das Einzige, auf das wir Recht haben, ist der Tod! So einfach und doch so wahr. Wir dachten, dass die Corona-Krise uns vor allem körperlich und wirtschaftlich bedroht? Das ist auch so. Aber Fragen rund um Tod und Leben, Seele und Ego sind spiritueller Natur. Darum können wir das Corona-Problem auch nicht mit den normalen, weltlichen Mitteln managen oder lösen. Erst die Liebe kann uns aus dieser Not er-lösen. Denn nur die Liebe kann die Polarisierung – die Spaltung – zu einer Einheit bringen. Nur die Liebe ist in der Lage, die Ich-Bezogenheit und damit auch die Angst vor dem Tod zu überwinden. Angst ist nicht von Gott, die Liebe wohl! Unser Ego stellt aus Eigen-Interesse Forderungen, während unsere Seele in der Lage ist, Opfer zu bringen. Aus Liebe können wir lernen, unser Ego zurückzunehmen. Vielleicht hoffen wir, dass die Corona-Krise in Kürze ein Ende hat? Damit solche lästigen Fragen aufhören? Aber dies sind essentielle Fragen und darum werden sie voller Geduld auf uns warten. Bis wir persönlich – mit unserem eigenen Leben – eine Antwort darauf geben. Darum sind wir mit den Herausforderungen dieser aufdringlichen Krise noch lange nicht fertig. Auch wenn es uns schwerfällt, diese Krise möchte unsere egoistische Lebenseinstellung korrigieren. Wie in jeder tiefgehenden Lebenskrise liegt der Ausgang deshalb »Oben«.


Vaalser Weekblad, 17 juli 2020

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