CORONA-KRISE (5) – UND WIE GEHT´S WEITER?

Langsam kommt Bewegung in die Corona-Stagnation. Es sieht danach aus, dass die Einschränkungen abgemildert werden. Allerdings noch unter Vorbehalt: Die Ziffern dürfen nicht steigen, sonst müssen wir wiederum in den »lock-down«. Wenn die Corona-Maßnahmen nun ein wenig zurückgenommen werden, dann beginnt eine neue Phase dieser Krise. Bis jetzt saßen wir in der Phase des »Fastens«, demnächst kommen wir in die Phase des »Fasten-Brechens«. Auch wenn das Fasten bereits schwierig war, das Fasten-Brechen wird vielleicht sogar noch schwieriger – auch wenn wir dies jetzt natürlich nicht wissen wollen. Denn jetzt hoffen wir auf die Rückkehr der alten Freiheit, unserer alten Gewohnheiten und unserer geschätzten Kontakte. Jetzt ist Licht am Horizont, endlich dürfen wir wieder … Aber in dieser Chance verbirgt sich zugleich auch eine Gefahr: das Risiko nämlich, dass wir die Zügel schießen lassen, dass wir es übertreiben; dass der Freiheitstrieb sich durchsetzt und jede Vorsicht zur Scheite schiebt.


ZWISCHEN DISZIPLIN UND FREIHEIT

Unserem Freiheitsbedürfnis ist dieses Corona-Fasten ziemlich schwer gefallen. Wenn jetzt endlich wieder ein Stückchen Freiheit in Sicht kommt – und die Ketten weniger schwer drücken – dann ist dies die Stunde unseres Freiheitstriebes. Leider steht uns dann ein »Gefecht« zwischen diesem starken Freiheitsdrang und unserer Disziplin bevor. Der Disziplin, die sehr wohl einsieht, dass vorläufig noch bestimmte Einschränkungen nötig sind. Welche Seite wählen wir dann? Beginnen wir das Fasten-Brechen vorsichtig und sorgfältig oder lassen wir die Zügel schießen? Ist unsere Disziplin stark genug? Ist unsere Einsicht in die Notwendigkeit der noch bestehenden Maßnahmen groß genug? Und sind wir bereit, entsprechend dieser Einsicht zu handeln? Die Frage ist natürlich, wer eigentlich »Chef im Hause« ist: unser(e) Trieb(e) oder unser Verstand, unser Ego oder die Weisheit? Wenn wir uns in dieser Phase des Fasten-Brechens nicht diszipliniert verhalten – nun, dann erwartet uns bald eine zweite oder sogar dritte Corona-Welle. Wenn wir nichts gelernt haben, dann wird diese Krise mit Sicherheit noch einmal zurückkommen. Aber vielleicht haben wir wohl etwas gelernt? Es wäre gut, einmal zu überprüfen, was diese Krise uns gebracht hat – trotz oder gerade wegen der Beschränkungen.


ZWISCHEN ANKUNFT UND ABREISE

Bevor wir nun sofort wieder »abreisen« (Ausflüge, Urlaubsreisen) ist es auch gut, mal eben zu schauen, ob wir zwischenzeitlich »angekommen« waren: in der Situation, in der Familie und bei uns selbst? Für manche war die Zeit ziemlich anstrengend, mit inneren Spannungen und Auflehnung, mit Streit in der Familie, mit Geldsorgen. Für andere war diese Corona-Krise ein Ankommen bei sich selbst und bei den wesentlichen Dingen des Lebens. Weil wir wegen der Beschränkungen weniger Ablenkung hatten als sonst, wurde unser Blick auf einmal wieder frei für die wirklich essentiellen Dinge des Lebens. Vielleicht hatten wir durch das nach außen gerichtete Leben die Menschen in unserer direkten Umgebung ein wenig aus dem Gesichtsfeld verloren? Und hatten wir uns selbst auch von unserem eigentlichen Wesen entfremdet? Viel zu viel »Ich«, wenig »Seele« und kaum noch einen »Blick « für andere? Vielleicht wurden wir in dieser schwierigen Zeit auch durch lästige Fragen gequält: Wie soll das weitergehen? Was bringt die Zukunft? Fragen ohne Antworten! Für manche war dies alles sehr konfrontierend, einfach zum Weglaufen – aber genau das ging jetzt nicht. Dieses Mal konnten wir nicht auf die gewöhnliche Art einfach »flüchten«: in Ablenkungen, Aktivitäten und Verabredungen. Auf einmal war es sehr still und waren wir mehr oder weniger zu einem ruhigen Leben verdonnert – gegen unseren Willen. Wir konnten der Situation nicht entkommen. Schmerzhaft, aber sehr lehrreich. Menschen können bis zum letzten Moment lernen und dies gerade in den allerschwierigsten Situationen. Eigentlich könnte man sagen, dass wir durch die Corona-Krise die Chance hatten, im echten Leben anzukommen. In einem Leben näher am Kern der Sache, näher am Leben, wie es eigentlich ist. Wir hatten die Chance, den besonderen »Geschmack« des ruhigen, einfachen Lebens kennenzulernen und seinen ganz eigenen Wert schätzen zu lernen. Und dies ohne Flugreisen, einfach zu Hause! Eine große Herausforderung, ein Abenteuer mitten im normalen Leben. Aber hierauf haben wir nicht gerade gewartet – und darum kann es leicht passieren, dass unser »Freiheitstrieb« es übertreibt, wenn er in Kürze die Chance bekommt. Wenn wir aber durch diese Corona-Krise etwas Sinnvolles gelernt haben, dann ist es weniger schwer, während des »Fasten-Brechens« die Disziplin zu wahren. Dann ist es der Corona-Krise geglückt, ein Stückchen Entwicklung zustande zu bringen.


Vaalser Weekblad, 22. Mai 2020

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