CORONA-KRISE (4) – HABEN WIR DIE WAHL?

Oft genug hören wird: Du hast die Wahl. Und tatsächlich, im alltäglichen Leben müssen wir so oft wählen, dass inzwischen ein neues psychologisches Problem entstanden ist: der Entscheidungs-Stress. In Krisenzeiten ist es jedoch anders, dann hat man nicht viel zu wählen. Eine Krise unterbricht den normalen Gang des Lebens und »zwingt« uns, von vertrauten Gewohnheiten Abschied zu nehmen. In einer Krise wird man vor vollendete Tatsachen gestellt. Keine Wahl, damit muss man sich jetzt abfinden! Ob man will oder nicht, man muss mit der Situation umgehen. Aber das mögen wir nicht und darum widersetzen wir uns. Sich sträuben, rebellieren, klagen – alles sehr verständlich. Es ist oh so normal und so menschlich. Wir mögen Krisen nicht und schon gar nicht diese Corona-Krise. Haben wir bis jetzt vielleicht unter dem modernen Entscheidungs-Stress gelitten (ein Luxusproblem!), nun haben wir es schwer, weil wir keine Wahl haben. Normalerweise regeln wir das Leben, jetzt wird das Leben für uns geregelt. Und wir müssen mit, denn wir haben keine andere Wahl.


WIR HABEN KEINE WAHL

Die Corona-Krise testet uns: kämpfen und widersetzen oder akzeptieren und mitarbeiten? Wenn wir uns widersetzen ist es fast unmöglich, diese Krise gut zu bewältigen und das Nötige daraus zu lernen. Aber auch wenn wir vielleicht verstehen, dass unser Widerstand die Krise schmerzhafter macht und sie länger dauern lässt, unser Sträuben können wir nicht so einfach stoppen. Die Einschränkungen durch die Corona-Maßnahmen, eventuelle Einsamkeit, die finanziellen Probleme … und sich nicht sträuben? Unmöglich! Wenn jemand von uns verlangen würde, die aktuelle Krise zu akzeptieren und mit ihr zusammenzuarbeiten, würden wir gereizt reagieren. Und würden zu hören bekommen: damit muss man sich abfinden; akzeptiere es, dann wird es einfacher. Solche Ratschläge aus der Alltagspsychologie, was sollen wir damit? Niemand kann uns erklären, wie akzeptieren geht. Vor allem, wenn es Sachen betrifft, die wir nicht mal eben tun können. Weil sie sich der Macht unseres Ichs entziehen: Gesundheit, Freundschaft, liebevolle Beziehungen, Glück … Das sind Aspekte, die wir nicht tun und nicht erzwingen können. Wir können nur versuchen, uns in diese Richtung zu entwickeln. Mehr nicht. Auch Akzeptanz ist etwas, das wir nicht tun können. Wohl aber können wir in diese Richtung wachsen. Wenn wir lernen, Dinge geschehen zu lassen, stellt sich das Akzeptieren von selbst ein – nach einiger Zeit. Aber wer hat heutzutage noch die Geduld oder die Liebe zu Gott, um der Akzeptanz ihre eigene Entwicklung zu gönnen?


WIR HABEN WOHL EINE WAHL

Wir können also nichts gegen die Krise tun, aber wir können etwas mit ihr tun. Wir haben nicht die Wahl, diese Krise zu stoppen, aber wir haben die Wahl, wie wir mit ihr umgehen. Natürlich werden wir auf die Maßnahmen achten, die vor allem die Risikopatienten schützen sollen. Zugleich aber können wir so viel mehr tun: die Familie neu entdecken, einfacher und ruhiger leben – also weniger unterwegs sein, sich aber doch mehr bewegen und gesunde Nahrung essen. Zurück zu den »basics«. Das können wir wohl tun, sogar wenn wir dazu gezwungen werden. Es geht aber leichter, wenn wir diese Dinge freiwillig tun. Und wenn wir dieser Krise zudem eine »sinnvolle« Bedeutung geben. Wenn wir unterstellen, dass sie eine ergänzende oder sogar korrigierende Funktion für unsere verweltlichte und extrovertierte Ausgangskultur hat. Es ist gut möglich, dass das Virus nicht einfach nur ein Übel ist, sondern durch das Leben als Mittel benutzt wird, uns einen Spiegel vorzuhalten und uns einen anderen Weg zu zeigen. Vielleicht hilft diese Krise uns, ein Ungleichgewicht zu korrigieren? Was sie von uns verlangt, ist sicher nicht das, was uns gerade gut passt, aber es wird das Beste für unsere weitere Entwicklung sein. Auch wenn wir das jetzt noch nicht begreifen. Diese Krise ist eine große Chance – für unsere Kultur, unsere eigene Person und für die Entwicklung unserer Seele. Aber es wird Kreativität nötig sein, mit dieser Situation umzugehen. Solange wir jedoch noch an Ausflügen, Events, (Reise-)Zielen, Erfolg, Karriere und Geld hängen, solange wird es wehtun. Genau darum hat unser Ich es jetzt so schwer, während unsere Seele (hoffentlich) lernt. Aber glauben wir noch an eine Seele?


Vaalser Weekblad, 08 Mai 2020

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